Claude und der CLOUD Act: Was EU-Hosting wirklich schützt

Claude und der CLOUD Act: EU-Hosting auf Bedrock oder Vertex schließt den US-Zugriff nicht aus. Was Speicherverzicht, Schlüssel und Datentrennung wirklich bringen.

22 Sep.. 2026 | AI

Inhaltsverzeichnis

Robin Werner, Consultant für GenAI bei Pexon Consulting | 10 Min. Lesezeit | 22.09.2026


TL;DR: Claude und der CLOUD Act in fünf Sätzen

Der CLOUD Act verpflichtet US-Anbieter seit 2018, Daten auf Anordnung herauszugeben, auch wenn sie außerhalb der USA liegen. Das betrifft Anthropic, AWS, Google und Microsoft gleichermaßen. EU-Hosting von Claude auf Bedrock oder Vertex ändert daran nichts. Was schützt, ist Speicherverzicht, Verschlüsselung gespeicherter Daten und eine ehrliche Bewertung.

Zugang zu Claude Verarbeitung in der EU Anbieter unterliegt US-Recht Speicherung standardmäßig
Anthropic API nein ja (Anthropic) höchstens 30 Tage
Amazon Bedrock, eu.-Profil ja ja (AWS) nein, außer Fable
Google Vertex AI, Multi-Region eu ja ja (Google) nein, außer Fable
Microsoft Foundry nein ja (Anthropic als Verarbeiter) nach Anthropic-Regeln
AWS European Sovereign Cloud ja eigene EU-Struktur Claude dort nicht verfügbar

Das Problem: „Unsere Daten dürfen nicht in die USA“

Das ist der Einwand, den wir in Gesprächen über Claude am häufigsten hören, und er kommt in zwei Varianten. Die erste meint den Ort: Die Verarbeitung soll in der EU stattfinden. Die zweite meint den Zugriff: Keine US-Behörde soll an die Daten kommen. Beide werden oft in einen Satz gepackt, haben aber unterschiedliche Antworten.

Den Ort kann man lösen. Stand September 2026 gibt es Verarbeitung von Claude in der EU über Amazon Bedrock mit dem eu.-Profil oder einer Einzelregion in Stockholm oder Irland und über Google Vertex AI in der EU-Multi-Region. Die Anthropic API und Microsoft Foundry bieten für Claude keine Verarbeitung in der EU.

Den Zugriff löst EU-Hosting dagegen nicht. Denn sowohl AWS als auch Google sind US-Unternehmen, und für sie gilt der CLOUD Act unabhängig davon, in welchem Rechenzentrum die Daten liegen.


Was der CLOUD Act regelt

Der „Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act“ trat am 23. März 2018 in Kraft. Er ergänzt das US-Gesetz über gespeicherte Kommunikation um eine Regel, die heute als 18 U.S.C. § 2713 bekannt ist. Der Kern: Ein erfasster Anbieter muss Inhalte und Daten herausgeben, die sich in seinem Besitz, seiner Obhut oder unter seiner Kontrolle befinden, egal ob sie innerhalb oder außerhalb der USA gespeichert sind.

Entscheidend ist also nicht der Serverstandort, sondern wer die Kontrolle über die Daten hat. AWS sagt das auf seiner eigenen Compliance-Seite ähnlich: Die herauszugebenden Daten können in den USA oder außerhalb liegen.

Zwei Punkte gehören zur Einordnung dazu. Erstens braucht es für Inhaltsdaten eine richterliche Anordnung, keine formlose Anfrage. Zweitens verpflichten sich die großen Anbieter, unangemessene Anfragen anzufechten und Kunden zu informieren, soweit das rechtlich erlaubt ist. AWS schreibt, dass es seit Beginn der Berichterstattung keine Anfrage gab, die zur Herausgabe von Unternehmens- oder Behördeninhalten außerhalb der USA an die US-Regierung geführt hat. Das ist eine Aussage über die Vergangenheit, keine Garantie.

Und der CLOUD Act ist nicht das einzige US-Gesetz, das Datenschützer beschäftigt. Beim Urteil „Schrems II“ vom 16. Juli 2020, das den Privacy Shield kippte, ging es vor allem um Überwachungsbefugnisse nach Section 702 FISA. Seit dem 10. Juli 2023 gibt es mit dem EU-US Data Privacy Framework einen neuen Angemessenheitsbeschluss der EU-Kommission für zertifizierte US-Unternehmen.


Was bei Claude konkret passieren kann

Die abstrakte Frage „Gilt der CLOUD Act?“ bringt wenig. Die bessere Frage lautet: Welche Daten liegen überhaupt beim Anbieter, die herausgegeben werden könnten?

Bei Amazon Bedrock speichert AWS Prompts und Antworten für die aktuellen Claude-Modelle standardmäßig nicht, und das Invocation Logging ist aus. Die Doku beschreibt „Zero Operator Access“: Betreiber des Dienstes haben keinen Zugriff auf Ein- und Ausgaben. Die Ausnahme sind Fable 5 und Fable 5.1, dort werden alle Anfragen bis zu 30 Tage gespeichert. Wer Invocation Logging einschaltet, legt die Daten selbst in S3 oder CloudWatch ab, dann liegen sie wieder beim Anbieter.

Bei Google Vertex AI trainiert Google nicht mit den Daten, und das Request-Response-Logging ist standardmäßig aus. Auch hier gilt für Fable eine Speicherung von bis zu 30 Tagen.

Bei der Anthropic API verarbeitet Anthropic außerhalb der EU und speichert nach eigenen Regeln. Zero Data Retention gibt es auf Anfrage, aber nicht für Fable und Mythos.

Daraus folgt eine unbequeme, aber nützliche Erkenntnis: Der stärkste technische Hebel gegen Herausgabepflichten ist nicht der Standort, sondern der Verzicht auf Speicherung. Was nicht gespeichert wird, kann später nicht herausgegeben werden. Mehr dazu in unserem Leitfaden zu Claude Zero Data Retention.


Verschlüsselung und Schlüssel: was sie schützen und was nicht

AWS verweist beim CLOUD Act auf Verschlüsselung mit kundenverwalteten Schlüsseln. Verschlüsselte Inhalte seien ohne die passenden Schlüssel nutzlos. Das stimmt für gespeicherte Daten, etwa Logs, Dokumente in S3 oder Vektordatenbanken für RAG.

Für die Verarbeitung durch Claude selbst hilft es nicht. Ein Sprachmodell muss den Text im Klartext sehen, um ihn zu verarbeiten. Während der Inferenz liegt der Prompt also unverschlüsselt im Arbeitsspeicher der Infrastruktur des Anbieters. Wer das ausschließen muss, kommt um ein Modell auf eigener Hardware nicht herum, und das ist dann nicht Claude.

Unsere Einordnung für die Praxis:

  1. Gespeicherte Daten mit eigenen Schlüsseln verschlüsseln, Logs in eigenen Konten halten.
  2. Speicherung beim Anbieter so weit wie möglich vermeiden, also kein Fable für sensible Daten und Invocation Logging nur mit klarem Zweck.
  3. Datenkategorien trennen: Was nie außerhalb der eigenen Infrastruktur verarbeitet werden darf, gehört an ein offenes Modell im eigenen Rechenzentrum, der Rest kann an Claude.

Und die AWS European Sovereign Cloud?

Die AWS European Sovereign Cloud ist seit dem 14. Januar 2026 verfügbar, Region eusc-de-east-1 in Brandenburg. Sie ist als eigenständige, von der EU aus betriebene Struktur aufgebaut und genau für die Zugriffsfrage gedacht. Amazon Bedrock läuft dort, Claude aber nicht: Keine Model Card eines aktuellen Claude-Modells führt diese Region. Die Details stehen in unserem Beitrag zur AWS Sovereign Cloud und Claude.

Wer heute sagt „wir warten auf Claude in der Sovereign Cloud“, plant mit einem Termin, den weder AWS noch Anthropic genannt hat. Wir raten davon ab, darauf ein Projekt zu stützen.


Wie Sie die Frage intern sauber beantworten

Für die Freigabe durch Datenschutz und Informationssicherheit hat sich bei uns diese Reihenfolge bewährt:

  1. Datenkategorien festlegen: Welche Daten sollen an Claude gehen, welche nie?
  2. Zugang wählen: Bedrock oder Vertex in der EU, mit festgelegtem Modell ohne Pflichtspeicherung.
  3. Speicherung prüfen: Logging, Caches, Anhänge und Protokolle, jeweils mit Ort und Frist.
  4. Rechtsgrundlage dokumentieren: Auftragsverarbeitung mit dem Cloud-Anbieter, Bewertung der Drittlandsthematik, Data Privacy Framework.
  5. Restrisiko benennen: Den CLOUD Act nicht wegdiskutieren, sondern bewerten, was im schlimmsten Fall herausgegeben werden könnte.

Wer so vorgeht, hat am Ende keine Garantie, aber eine belastbare Entscheidung. Das ist mehr, als die meisten Unternehmen heute für ihre bestehenden Cloud-Dienste vorweisen können.


Häufig gestellte Fragen

Gilt der CLOUD Act für Claude auf Amazon Bedrock in der EU?

Grundsätzlich ja, weil AWS ein US-Unternehmen ist und der CLOUD Act an die Kontrolle über Daten anknüpft, nicht an den Serverstandort. Bei Bedrock speichert AWS Prompts für die aktuellen Claude-Modelle aber standardmäßig nicht, außer bei Fable 5 und 5.1. Das begrenzt, was herausgegeben werden könnte.

Werden meine Daten bei Claude in die USA übertragen?

Das hängt vom Zugang ab. Die Anthropic API verarbeitet nur in den USA oder global. Amazon Bedrock mit dem eu.-Profil und Google Vertex AI in der EU-Multi-Region verarbeiten in der EU. Microsoft Foundry bietet für Claude keine Verarbeitung in der EU.

Schützt Verschlüsselung Claude-Daten vor dem CLOUD Act?

Für gespeicherte Daten wie Logs oder Dokumente ja, wenn Sie die Schlüssel selbst verwalten. Für die Verarbeitung selbst nicht, denn das Modell muss den Text im Klartext sehen. Der wirksamere Hebel ist, Speicherung beim Anbieter zu vermeiden.

Ist Claude mit dem Data Privacy Framework nutzbar?

Das Data Privacy Framework ist seit dem 10. Juli 2023 ein Angemessenheitsbeschluss der EU-Kommission für zertifizierte US-Unternehmen. Ob und wie es für Ihren Zugang zu Claude greift, hängt vom Vertragspartner ab: AWS, Google, Microsoft oder Anthropic. Das gehört in die Bewertung Ihres Datenschutzes.

Gibt es Claude ohne US-Anbieter?

Stand September 2026 nicht. Claude läuft bei Anthropic, AWS, Google und Microsoft, alle mit Sitz in den USA. Die AWS European Sovereign Cloud bietet Claude nicht an. Wer US-Anbieter komplett ausschließen muss, braucht ein offenes Modell auf eigener oder europäischer Infrastruktur.


Nächster Schritt

Claude AVV- und Datenschutz-Check
Die Frage ist nicht, ob der CLOUD Act gilt. Sondern was dann noch herausgegeben werden kann.
Wir prüfen, unter welchem Vertrag Claude bei Ihnen läuft, welche Daten wo verarbeitet und gespeichert werden und was davon in Verzeichnis und Datenschutz-Folgenabschätzung gehört.

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